Klaus Riegelhuth wirbelt durch seinen Kiosk. Er pflückt ein Zigarettenpäckchen aus dem Regal und reicht gleichzeitig eine Zeitschrift durch das Fenster in Richtung Straße. „Gas gewe, längär lewe“, gibt er dem Kunden mit auf den Weg. Der Nächste bitte!


Klaus "Ricci" Riegelhuth und die Kubaner: Ein Wandbild von Justus Becker schmückt seinen Kiosk


Der Kiosk Riegelhuth in Bad Vilbel ist für zwei Dinge berühmt. Zum einen für seine Zigarren. Von außen kaum sichtbar, kleiden unzählige Bündel und Holzkisten die Wände im Inneren aus. Zum anderen für seinen 51 Jahre alten Besitzer: Klaus Riegelhuth, der selbsternannte „1. Vilweler Genussologe“, der seinen winzigen Laden an der Frankfurter Straße mit Slogans wie „Let’s have Genuss und Lebensfreude“ bewirbt. „Ich bin klein, also muss ich mich ständig bemerkbar machen“, erläutert der Unternehmer sein „Guerrilla-Marketing“.


Feinstes Rauchgut für Genießer verkauft Riegelhuth in seinem Kiosk in Bad Vilbel

Damit man auch ihn in seinem Zigarrenkabinett nicht übersieht, wechselt Riegelhuth ständig die Kopfbedeckung. Sein Repertoire reicht von der Schiebermütze über den Cowboy- bis hin zum Strohhut. Seine übrige Garderobe prägt eine grellbunte Mischung aus Verwegenheit und Kostümfilm.
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Eigenmarke heißt „Ricci´s“

Schon als Schüler fiel er damit auf: „Er war ein bunter Hund“, erinnert sich F. W. Bernstein, der von 1969 bis 1971 Riegelhuths Kunsterzieher im Bad Vilbeler Georg-Büchner-Gymnasium war. Heute lebt der kürzlich 70 Jahre alt gewordene Zeichner und Humorist in Berlin. „Er war ein sehr dynamischer und unangepasster Schüler“, berichtet der ehemalige Lehrer. „Kein typischer Gymnasiast.“


...und lässt sich auch selbst dann und wann eine schmecken

Wenig später bestätigte Riegelhuth diese Einschätzung und flog von der Schule. Er ließ sich zum Koch ausbilden. Bis er 1995 nach Bad Vilbel zurückkehrte, führten ihn seine Lehr- und Wanderjahre durch ganz Europa. Zum Schluss arbeitete er als „Food and Beverage Manager“ in einem großen Hotel in Hannover. Diese Tournee habe sein „dominantes Genussgen“ zur Geltung gebracht, sagt er. Das lotste ihn schließlich auch zur Zigarre.
Feinstes Rauchgut für Genießer verkauft Riegelhuth in seinem Kiosk in Bad Vilbel

Feinstes Rauchgut für Genießer verkauft Riegelhuth in seinem Kiosk in Bad Vilbel

Im Kioskangebot hat Ricci, wie ihn alle außer seiner Mutter nennen und das sich von Riegelhuth ableitet, Zigarren sämtlicher Anbaugebiete. Havannas, die berühmten Handgerollten aus Kuba, zählen ebenso zum Sortiment wie die „Ricci’s“, seine Eigenmarke, deren Tabake hauptsächlich aus der Dominikanischen Republik und Nicaragua stammen. Die mit einem großen Stern verzierte Rauchware taufte er auf programmatische Namen wie „Hedonismo“ oder „Cuban Sandwich“.

„Wir haben Glück, dass wir die Zigarren haben“, sagt seine Mutter Annemarie. Es sei nicht leicht, sich allein mit traditionellen Kioskartikeln wie Zigaretten, Zeitschriften und Lottoscheinen über Wasser zu halten. Deshalb stehe sie mit ihren 73 Jahren noch immer fast zehn Stunden täglich im Laden. Bis auf eine Halbtagskraft am Freitag könnten sie und ihr Sohn sich kein Personal leisten. „Da muss das Alter mitmachen“, sagt sie.
...und lässt sich auch selbst dann und wann eine schmecken

...und lässt sich auch selbst dann und wann eine schmecken

Sohn Klaus wird überraschend still, wenn er Sätze wie diesen hört. Er murmelt dann: „Ich mache den Laden mit niemand anderem als mit meiner Mutter.“ Es wäre das Ende des mittlerweile 73 Jahre alten Familienbetriebs.

Unvermittelt reißt Riegelhuth sich aber selbst aus den dunklen Gedanken. Die Stille liegt ihm nicht. So zwingt er seine Überlegungen zurück in die Gegenwart und verkündet: „Ich bin sehr stolz, täglich neben so einer Frau zu stehen.“ Zwischen ihr, Kiosk und Zigarren bleibt am Ende kaum Platz für andere Frauen. Außerdem: „Es gibt Momente, in denen ich unhandlich bin“, räumt er ein. Derzeit sei er mal wieder auf Freiersfüßen unterwegs.

Im kleinen Verkaufsraum im hinteren Teil des Kiosks herrscht eine kuschlige Atmosphäre. Lottospieler und Raucher drängeln sich aneinander vorbei, mancher Fahrstuhl ist geräumiger. Zu der kleinen Gruppe zählt Jörg Reschke aus Gelnhausen. Er stattet dem Kiosk seit vier Jahren wöchentlich einen Besuch ab, um seine Zigarrenbestände aufzufüllen. Man kommt ins Gespräch, in dessen Verlauf sich der Kiosk als Biotop für Genussasylanten entpuppt: „Der Staat hat die Raucher doch zum Abschuss freigegeben“, sagt Reschke.

Handgerolle „Raketen“ im Angebot

Auch Klaus Riegelhuth verteidigt sein Metier leidenschaftlich. Seine großen Ohrläppchen wackeln heftig, wenn er gegen Rauchverbote in der Öffentlichkeit wettert: „Es geht beim Zigarrerauchen nicht um Fixer oder irgendeine Suchtgeschichte, sondern um eine jahrhundertealte Tradition.“ Wenn er wie ein Don Quijote der Glimmstengelgilde seinen Kiosk verlässt und auszieht, um bundesweit auf Galas und vornehmen Partys Werbung für die Zigarre zu machen, ist er stets mit einem Köfferchen bewaffnet. Darin lagert der Genussdiplomat handgerollte „Raketen“ für die qualmreiche Bekehrung der Anti-Raucher-Liga.

„Ich will niemanden verführen“, sagt Riegelhuth. Und grinst. Der Beweis des Gegenteils steht kurz darauf im Kiosk. „Ich bin vor einem halben Jahr durch ihn auf den Geschmack gekommen“, gesteht Barbara Waßenberg. Die sportliche, 32 Jahre alte Blondine sieht nicht gerade aus, wie man sich typischerweise einen Aficionado vorstellt. So nennen die Kubaner die Zigarrengenießer. „Er berät gut“, sagt sie nur und zieht mit einem frischen Vorrat von dannen.

Dass der Riegelhuth Ahnung hat, bestätigt auch Heinrich Villiger, einer der international größten Importeure von Havannas: „Er kennt sich mit Havannas vielleicht besser aus als ich.“ Vom badischen Waldshut-Tiengen aus versorgt Villiger Deutschland und die Schweiz mit dem kubanischen Nationalheiligtum. Auch Klaus Riegelhuth. „Er ist der skurrilste Kunde, den ich habe“, sagt Villiger. Und ein bedeutender Mitstreiter: „Viele Fanatiker wollen eine tabakfreie Gesellschaft, dagegen ist Herr Riegelhuth einer unserer wichtigsten Vorkämpfer.“

„El Kioskiero“

Deshalb habe er ihn auch beim „Cigar-Wiki“ unterstützt. Riegelhuth fungiert als Botschafter für das virtuelle Zigarren-Lexikon des Schweizers Hans Fischer, das seit ungefähr einem Jahr existiert. Mittlerweile umfasst die Enzyklopädie 567 Artikel, täglich informieren sich rund 200 Nutzer auf den Seiten im Internet.

Außerdem verfüge der Bad Vilbeler über ausgezeichnete Beziehungen nach Kuba, lobt Heinrich Villiger weiter: „Er hat gute Kontakte zu

Alejandro Robaina, einem der bedeutendsten Tabakpflanzer weltweit.“ Der sichtbarste Beweis für den heißen Draht nach Kuba befindet sich an Riegelhuths rechter Hand: Den Familienring der Robainas stülpte ihm der greise Don Alejandro persönlich über den Finger. Zuvor hatte ihm Riegelhuth mit dem Airbrush-Kunstwerk „El Mudo del Habano“ von Justus Becker auf der Rückseite seines Kiosks ein Denkmal gesetzt.

Zuletzt besuchte „El Kioskiero“ – mit diesem Begriff erklärte Riegelhuth Robaina einst seinen Beruf – die Karibik im Februar. Unter anderem sei er Gast auf der Hochzeit von Hiroshi Robaina, dem Enkel des Don, gewesen, erzählt er stolz. „Dort waren Händler aus aller Welt. Und ich war der einzige Deutsche.“

Der exklusivste Beweis für Riegelhuths freundschaftliche Verbindungen mit der Zigarreninsel ist schließlich das Wissen, das er mit ihren Bewohnern teilt: Wer ihn zum Beispiel fragt, ob Hiroshi, der Name des Bräutigams, kubanisch sei – das klinge doch sehr japanisch –, erhält vom stets gut unterrichteten „Kioskiero“ aus Bad Vilbel die Antwort: „Jetzt raten Sie mal, wo der gezeugt wurde.“ Er ist eben ein wahrlich intimer Kenner der Szene.